Ausgebüxt

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Jetzt ist es schon ein Weilchen her, aber ich war neulich wieder mal joggen. Eigentlich wollte ich einen alten Weg gehen, aber ich wählte doch ziemlich bald einen Neuen. Wo ich normalerweise nach rechts abgebogen wäre, bin ich geradeaus gelaufen, einen steilen Hügel hinunter, über eine Brücke und einen noch steileren Hügel wieder hinauf. Oben angekommen war ich aus zwei Gründen außer Atem. Der zweite war das wunderschöne Panorama vor mir: knallgrüne Reisfelder, Palmen ringsherum, am Horizont ein Vulkan, alles sanft beleuchtet von der noch aufgehenden Sonne.

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Nur sehr selten habe ich die Möglichkeit zu vergessen, dass ich in einer dicht bevölkerten Region einer dicht bevölkerten Insel lebe, aber zwischen den Städten und Dörfern liegen viele solche grüne Fluren. Besucht man diese um die richtige Tageszeit, dann sind sie auch Menschenleer. An jenem Morgen konnte ich mir die wenigen Motorräder einfach wegdenken und ich hörte nur Insektengesumme. Ich hielt kurz an und genoss den Blick. Ich tankte Ruhe und auch Geduld für den kommenden Tag.

Ich wusste nicht, wo ich war…also lief ich einfach weiter. Ich überquerte noch eine Brücke und kam zu einer Kreuzung im Wald. Ob meine erste Wahl richtig oder falsch war, ist schwer zu sagen. Jedenfalls lief ich am Fluss entlang. Der Weg wurde schmäler und schmäler, aber er löste sich nicht komplett auf…zumindest nicht gleich. Plötzlich jedoch verschwand er im Fluss. Kleine Zeichen, dass hier ab und zu Menschen vorbeikamen, gab es aber noch: Acker, Kleidungsstücke, Geräte. Ich ging weiter.

Solche Zeichen trieben mich voran, obwohl der Lauf zu einem Hindernislauf wurde. Endlich sah ich einen Mann, der sich um seinen Acker kümmerte. Voller Hoffnung fragte ich ihn, ob der Weg denn weiter führe. Käme ich so wieder zu einer Straße? Er schüttelte den Kopf und zeigte auf die hohe Felswand, die hinter ihm hochragte. Die könne ich hinaufklettern, wenn ich wollte. Sonst müsse ich umkehren. Ich kehrte um.

IMG_2509Als ich endlich wieder zur Brücke kam und zur Kreuzung, nahm ich den zweiten Weg und fand bald eine gutbefahrene Straße. Die Sonne war schon höher gestiegen und es waren mehr Menschen unterwegs—Menschen, die mich noch nie gesehen hatten. Die bule und turis Rufe ließen nicht lange auf sich warten. Die Geduld, die ich vorhin getankt hatte, verrann im Boden.

Ich schaffte es zurück zu meinem Ort und dachte mich sicher von weiteren Rufen. Diese Leute kannten mich ja. Nichts da. Die Leute deuteten auf mich, wie ich auf ein ausgebüxtes Känguru zeigen würde. Ich war enttäuscht, dass man mich immer noch so vergegenständlichte. Ich hatte aber einen Ausweg. Meine alten Nachbarn* würden mich bestimmt freundlich grüßen, also bog ich in meine alte Straße ein. Es funktionierte. Ich hatte wieder meine Ruhe.

Diesen neuen Weg probiere ich bestimmt noch einmal, als Nächstes vielleicht als Spaziergang, so dass ich auch langsam gehen kann und erklären, dass ich kein ausgebüxtes Känguru bin.

 

Ich bin umgezogen; dazu bald mehr.

Tonfall

Sprache ist selbstverständlich mehr als nur Vokabeln, Grammatik und Aussprache—alles schwierig genug—aber in Indonesien stolpere ich viel öfters über einen anderen Aspekt der Sprache, nämlich Tonfall.

Indonesisch ist keine Tonsprache, wie z.B. Chinesisch. Bei Tonsprachen handelt es sich um eine Änderung der Bedeutung eines Wortes bei einer Änderung der Tonhöhe oder des Tonverlaufs. Tonfall vermittelt aber mehr als nur die Bedeutung eines Wortes. Versteht man beispielsweise keine Ironie, na ja, das geht bestimmt gut aus…

Kritisch, herablassend, skeptisch, verständnisvoll, flehend, aggressiv, usw. So können wir neben ironisch auch noch wirken, indem wir unseren Tonfall ändern. Jedoch was für mich wie eine spöttische Herabsetzung meines Verstands klingt, ist für ein Indonesier eine komplett neutrale Bemerkung. Dazu kommt noch die indonesische Gewohnheit, neutral gemeinte Fragen negativ zu formulieren.

Wusstest du nichts von der Versammlung? Warum trinkst du keinen Kaffee? Willst du denn nichts zum Knabbern? Warum gehst du heute nicht spazieren? Warum fährst du heute nicht Fahrrad?

An sich ist jede Frage harmlos, aber ich höre selten nur eine. Es fällt es mir schwer, nicht genervt zu sein, wenn ich mit soviel kein und nicht konfrontiert werde, besonders wenn die Fragen eine Liste aufstellen, von Erwartungen, die ich nicht erfüllt habe.

In Wirklichkeit ist das einfach eine indonesische (wenngleich naseweise) Art und Weise, mögliche Probleme zu finden und sie zu beseitigen. Eine Abweichung von der Routine signalisiert für viele Indonesier, dass ein Problem vorhanden ist. Das liegt daran, dass man Probleme und Kritik selten direkt anspricht. Eher hält man Ausschau nach diesen geheimnisvollen Signalen und Zeichen.

Habe ich eines Morgens keine Lust auf Kaffee, vermutet man sofort, mir schmecke der Kaffee nicht, auch wenn—oder besonders wenn—ich ihn sonst jeden Tag genüsslich getrunken habe. Das erste Mal, als meine Ibu deswegen schier ausflippte, konnte ich ihre Besorgtheit wegen einer solchen Kleinigkeit einfach nicht nachvollziehen. Dabei litt sie unter der Vorstellung, sie habe mir den falschen Kaffee gekauft.

Die fehlende Übereinstimmung zwischen dem, was ich höre und dem, was ich verstehe, ist ein Produkt meiner eigenen kulturellen Empfindsamkeit. Der Tonfall, der auf Java verwendet wird, um zu kommunizieren, dass es Essen gibt, wähle ich eher, um jemanden darauf aufmerksam zu machen, dass seine Schuhe brennen. Daran muss ich mich einfach gewöhnen.

Marathonlauf

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich diesen Bericht noch nicht veröffentlicht hatte. Der Marathonlauf fand Anfang September statt.

img_1520Als ich noch in der Schule war, ging ich vielleicht einmal freiwillig joggen. An der Uni vielleicht sogar zweimal. In Freiburg waren es mehrere Male, aber immer nur sporadisch. Regelmäßig zog ich meine Laufschuhe nie an, aber ich spürte, wie ich langsam Gefallen daran fand. Trotzdem verstand ich nicht wirklich, warum man jemals in einer Gruppe joggen würde oder gar bei einem Marathon mitlaufen.

Nichtsdestotrotz brachte ich meine Laufschuhe mit nach Indonesien, mit der Absicht, meine Freude am Laufen zu pflegen. Ich dachte eigentlich, ich würde erst nach der Einschulung mit dem Laufen anfangen, aber andere Volontäre fingen schon währenddessen an, sich zu treffen und zusammen zu joggen. Letztendlich beugte ich mich dem (freundlichen) Gruppenzwang und bin auch mitgelaufen. Wir standen früh auf, um Uhrzeiten, die man auf einer Hand zählen kann. Ich fühlte mich recht wohl und es machte auch Spaß. Endlich verstand ich, warum sich Leute zum Joggen trafen. Nach einer Weile klang für mich auch ein Marathon weniger abwegig.

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Am ersten Septemberwochenende nahm ich an meinem ersten Marathonlauf teil. Eigentlich war es ein Halbmarathon, und was für einer! 21 km durch wunderschöne Berge und an einem rauchenden Vulkan vorbei. Ungefähr die erste Hälfte ging bergauf, die zweite eher bergab. Die meiste Zeit lief ich mit einem konsequenten Tempo, aber ein paar Strecken glichen eher Spaziergänge. Wenn es Teilnehmer gab, die nicht ab und zu schlenderten, dann waren es die Spitzenläufer. Die meisten Teilnehmer kamen aus Indonesien, aber Ausländer gab es auch gerade genug. Ich wüsste zu gerne, was sich die Einheimischen dachten, als sie uns die Hänge rauf und runterlaufen sahen, eine Banane in der rechten Hand und eine Wasserflasche in der Linken. Ach ja, und die Selfie-Sticks, die hier und da rausguckten, darf man nicht vergessen.

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Nachdem ich endlich über die Ziellinie schlurfte empfand ich zuerst Erleichterung. Dann Hunger. Schließlich Erschöpfung. Ich vergas in der Aufregung, nach meiner Zieleinlaufzeit zu schauen, aber die war mir in dem Moment auch scheißegal. Ich dachte nur, Sowas muss ich mir nie wieder antun. Am nächsten Tag jedoch, als ich meine Einlaufzeit im Internet fand (2:47:56), dachte ich schon anders: Vielleicht könnte ich die Zeit nächstes Jahr um ein oder zwei Minütchen verbessern. Die Zeit war gar nicht so übel, da ich eigentlich nicht so viel trainiert hatte. Den Marathonlauf hatte ich auch heil überstanden. Vielleicht, ganz vielleicht, war das nicht meiner letzter Wettlauf.

Nass, aber wenigstens nicht kalt

Ich habe schon einmal über den Regen geschrieben, aber das Phänomen fasziniert mich immer noch. In jedem Land lerne ich ihn neu kennen, und Indonesien ist keine Ausnahme. Nass zu werden war für mich natürlich nichts Neues, als ich hierherzog. In Deutschland bin ich ja nicht selten durch Regenpfützen geradelt. Trotzdem muss ich mir hier einen neuen Umgang mit dem Wetter angewöhnen. Ich bin schon nicht mehr überrascht, wenn Motorradfahrer meinen, ihr Fahrzeug sei ein Jet-Ski, und die überschwemmte Straße das offene Meer.

Die Trockenzeit ist in Malang vorbei. Zwar ist das Wetter hier von Tag zu Tag unterschiedlich, aber mit einer Sache kann man eigentlich immer rechnen: Es wird regnen. War es tagsüber heiß und sonnig, so wird es gegen Mittag sehr wahrscheinlich gewittern. Blieb es tagsüber “kühl” (25°C) und bewölkt, dann fängt es vielleicht erst spätnachmittags oder abends an zu regnen. Man sagt ja nicht umsonst Regenzeit.

Es regnet nicht oft den ganzen Tag, aber dass ändere sich vielleicht im Laufe der Zeit, meinte meine Gastmutter neulich zu mir. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit noch relativ hoch, dass man nicht allzu lang warten muss, bis es wieder aufhört zu regnen. Wenn ich es nicht eilig habe, warte ich gerne. Sonst grabe ich einfach meinen Schnorchel aus der Fahrradtasche und mache mich auf den Weg.

Am Montag nach der Schule hab ich irgendwann lange genug gewartet, also zog ich meine Regensachen über und ging hinaus. Obwohl der Regen aufgehört hatte, als ich mein Fahrrad aufschloss, ließ ich die Regensachen an, und später war ich heilfroh drum. Meine Schulklamotten waren es auch, denn kaum fuhr ich los, schon wurde ich von den vorbeirasenden Autos und Motorrädern angespritzt.

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Am Dienstag dachte ich, ich könnte auf die Regensachen verzichten, aber auf halber Strecke fing es an zu nieseln und dann doch etwas fester zu regnen. Wäre ich nicht so nahe am Ziel gewesen, hätte ich kurz gehalten, um mich einzuhüllen, aber ich war eh schon nass, also fuhr ich weiter.

Die Regenzeit erschwert nicht nur den Verkehr, sondern auch das Wäschewaschen, bzw. das Wäschetrocknen. Dabei verlasse ich mich immer auf die Sonne, aber wenn sie nur den halben Tag (oder noch weniger) scheint, dann bleiben die Sachen eben feucht. Im Idealfall sollte alles schon an der Wäscheleine hängen, bevor der erste Sonnenstrahl darauf fällt. Morgenstund hat Gold im Mund. Und trockne Klamotten.

Social-Media

Indonesier sind Meister der Social-Media. Ich bin es nicht. Früher habe ich gerne auf Facebook herumgescrollt, aber irgendwann wurde es mir doch zu viel. Ich glaube schon, dass Social-Media sehr nützlich sein und sogar Spaß machen können, aber meine Zeit und Geduld investiere ich lieber in andere Projekte. Sonst gehen sie mir noch aus.

img_0924Nichtsdestotrotz versuche ich, einigermaßen regelmäßig hier zu schreiben und das eine oder andere Foto auf Instagram zu posten. Jetzt möchte ich auch mittels Twitter und Tumblr versuchen, öfters aktuelle Artikel oder Videos über Indonesien zu posten.

Eine unserer Aufgaben als Volontär ist es, Indonesien unserer Familie und unseren Freunden näher zu bringen; eigentlich allen, die es noch nicht so gut kennen. Bevor ich erfuhr, dass ich nach Indonesien ziehen würde, wusste ich nur sehr wenig über dieses riesige, vielfältige und faszinierende Land. Daher ist es mir wichtig, dass ich auch online aktiv bin. Oben ist schon ein Artikel (mit Video) von der Tagesschau verlinkt. Viel Spaß!

Soziales, Teil 2

Die meisten Volontäre stehen jeden Tag im Rampenlicht, egal wo sie sich befinden. Ich Glücklicher bekomme nicht ganz soviel Aufmerksamkeit, wie manche andere. Wenn ich Zeit habe, versuche ich Begegnungen auf der Straße oder sonst irgendwo unter Fremden, weniger einseitig zu machen, indem ich zu den glotzenden, kreischenden Menschen hingehe und mich vorstelle. Oft genug ändert sich das Verhalten meiner wild gewordenen Verehrer sofort. Sie kommen vom Rausch herunter, in den sie versetzt wurden, weil sie einen lebhaften Ausländer IN DER EIGENEN STADT gesehen haben!!! und benehmen sich höflicher.

img_1787Höflichkeit in Indonesien ist jedoch nicht gleich Höflichkeit in Deutschland. Ich finde die indonesische Art ehrlich gesagt gewöhnungsbedürftig. Dazu kommt noch die Sprachbarriere und die Tatsache, dass solche Begegnungen nicht selten vorkommen. Kein Wunder werden wir bules ballaballa.

Andererseits, wenn ich wollte, könnte ich mich jederzeit mit egal wem unterhalten und mein Gegenüber würde sich ein Loch in den Bauch freuen, dank der angeborenen Neugier der Indonesier.

Vor ein paar Wochen wollte ich spätabends mal spazieren gehen. Sehr weit bin ich aber nicht gekommen, weil ich nach ein paar hundert Schritten auf einen Kaffee eingeladen wurde. Ich entschied mich für einen heißen Ingwer statt Kaffee, aber ich setzte mich tatsächlich zu den Männern hin und wir unterhielten uns fast eine Stunde.

Vielleicht habe ich schon einmal erwähnt, dass ich nach Sonnenuntergang selten das Haus verlasse (wenn ich nicht gerade einer javanischen Gebetsrunde beiwohne oder, leider, auf eine Beerdigung gehe: dazu ein anderes Mal mehr). Wie ich den Weg entlang ging, raste eine Frau auf ihrem Motorroller vorbei. Ich hörte einen Ausdruck des Staunens, als sie mich erblickte, bevor sie noch daran dachte zu fragen: “Mau ke manaaaaaa?” eine Standardgrußformel in Indonesien. Besonders diese Frage—wortwörtlich: Wo willst du hin?—macht mich normalerweise kirre, aber dieses Mal musste ich lachen, als die Frau, zusammen mit ihrer Frage, in der Nacht verschwand. Sie wusste wohl, dass sie meine Antwort nicht mehr hören würde. Trotzdem musste die Frage gestellt werden.

Soziales, Teil 1

Letzte Woche ging ich abends mal spazieren. Für Abendspaziergänge bin ich in meiner Straße nicht sehr bekannt, also waren die Nachbarschaftskinder etwas irritiert, als sie mich loslaufen sahen. Unterwegs fiel mir ein, dass ich neue Schuhe, neue Sandalen sowie ein paar Sachen für den Unterricht kaufen wollte. Verkäufer werden manchmal schüchtern oder nervös, wenn ich einen Laden betrete, wahrscheinlich weil sie glauben, sie müssten mit mir Englisch sprechen. Sobald sie aber erfahren, dass ich Einkäufe ohne (zu) große Probleme auf Indonesisch tätigen kann, entspannen sie sich und die Neugier tritt ein. Wir plaudern ein bisschen und ich ziehe weiter.

Version 2Als ich später nach Hause ging, sagte ich ziemlich allen hallo! Leute fragten, warum ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs war, was sie aus mehreren Gründen verwirrte. Erstens sind Fahrräder in Indonesien für Kinder, alte Männer oder Sportler, also ist ein (relativ) junger, weißer Lehrer, der jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule fährt, irgendwie komisch. Zweitens ist es noch weniger begreiflich, warum überhaupt jemand überhaupt irgendwohin freiwillig zu Fuß gehen würde. Fazit: mit dem Fahrrad = komisch, zu Fuß = noch komischer. Eine Familie stand vor ihrem Haus, als ich vorbei ging, und sie baten mich herein. Ich hatte es nicht eilig, also sagte ich ja. Weil der vermeintliche Gastgeber aber gehen musste, übernahmen seine zwei Brüder die Rolle. Sie kochten Tee und wir sprachen über die Sachen, die beim ersten indonesischen Kennenlernen dazugehören. Wir redeten auch übers Joggen. Sie wussten, dass ich früher sehr oft joggen ging, dass ich aufgehört hatte, und dass ich wieder angefangen hatte. Sie erzählten mir, dass sie Sonntags gerne joggten, und damit war ich eingeladen, beim nächsten Mal mitzulaufen.

Das geschah sogar gestern. Ich lief um 6:00 Uhr zu ihnen. Ihr Vater stand vor dem Haus und bat mich dringendst—5 Mal innerhalb von 20 Sekunden—herein. Ich wartete nur kurz auf die Jungs, dann starteten wir. Die erste Strecke war mir schon bekannt, aber irgendwann bogen wir in eine Straße ab, die ich noch nicht kannte. Die nächste Strecke war (für indonesische Verhältnisse) sehr ruhig, durch kleine Dörfer sowie Reis- und Zuckerfelder. Plötzlich standen wir vor meiner eigenen Straße, die ich wegen der neuen Perspektive fast nicht erkannte.

Nach einer Dusche und etwas Frühstück verließ ich wieder das Haus, um eine andere Freiwillige abzuholen. Sie wollte meinen Ort besuchen. Wir gingen zuerst kurz zu mir nach Hause. Dann gingen wir lange spazieren. Sie wollte ein paar Sachen kaufen, die in ihrem Dorf schwer zu finden waren. Wir gingen auf den Markt und in etliche kleine Läden. Nach dem Mittagessen, gingen wir kurz zu meiner Schule. Da es Sonntag war, blieb sie natürlich geschlossen, also schauten wir nur über den Zaun. Dann fuhr sie mit dem Bus zurück in ihr Dorf.

Ich machte mich auch auf den Nachhauseweg und wurde von ein paar Punks angeschrien. Das ist etwas übertrieben. Wie so viele waren sie einfach aufgeregt einen Fremden zu sehen und äußerten sich vor Aufregung etwas grob. Ich ging zu ihnen hinüber und sagte hallo, wonach sie sich ganz anders benahmen. Sofort wurden sie sehr höflich. Naja, sobald sie mit mir ein Foto machen durften, wurden sie etwas höflicher. Sie erzählten, sie seien vom Nachbarort und wollten hier Straßenmusik machen. Sie spielten und sangen mir sogar ihr Lied vor.

Ich ging dann weiter, aber auf die nächsten neugierigen Indonesier musste ich nicht lange warten. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte eine Tasse Kaffee. Diese jungen Männer waren zufällig ehemalige Schüler meiner jetzigen Schule. Unter anderem sprachen wir über das Englischlernen: das Angenehme sowie das Anstrengende dabei. Indonesier die ich kennen lerne sind oft erleichtert, wenn sie mit mir kein Englisch sprechen müssen, aber immerhin interessieren sie sich dafür. Als Englischlehrer finde ich das Gesprächsthema immer gut.

Sprache ist für das Leben hier wichtig, aber sie ist auch nur eine Hürde von vielen… Fortsetzung folgt.

Iss doch endlich!!!

Ab und zu steht im Lehrerzimmer Essen, das eine Lehrerin oder ein Lehrer für die Kolleginnen und Kollegen mitgebracht hat. Alle freuen sich riesig. Nur ich mich nicht. Kaum habe ich den Raum betreten, schon werde ich dazu genötigt, mir einen Teller zu holen. Jedem wird einmal nett gesagt, dass es Essen gibt, aber mir sagen es alle zigmal.

Das Essen ist immer lecker, aber ich kann es einfach nicht genießen. Egal was ich nehme oder wie viel davon, alles wird kommentiert und kritisiert. Das ist aber wenig! Wollen Sie davon gar nichts?! Es fällt mir schwer nicht zu sagen, dass ich davon genommen hätte, wenn ich davon gewollt hätte. Heute hab ich mit einem gestressten Lächeln erklärt: Es denken wohl alle, dass ich zu dumm bin, alleine zu essen. Danach waren meine Kollegen still. Ich verstehe, warum alle glauben, sie müssten mich tyrannisieren (und dass das überhaupt nicht so gemeint ist), aber weniger stressig wird es dadurch auch nicht.

Karneval

imgresVor ein paar Tagen habe ich mir einen schlimmen Sonnenbrand geholt. Jetzt sehen Teile von mir aus wie eine indonesische Flagge. Die sich häutet.

Als ich Sonntag früh aufgestanden bin, dachte ich noch, ich würde einen entspannten Tag als Umzugszuschauer verbringen. Sogenannte Karnevalsumzüge folgen dem Unabhängigkeitstag und sind ein wichtiger Bestandteil der Feierlichkeiten. Jedes Dorf organisiert seinen eigenen Umzug. Eine Kollegin von mir hat mich zu ihrem Umzug eingeladen, also bin ich hingegangen. Es war als ich bei ihr zu Hause angekommen bin, dass ich gemerkt habe, dass ich nicht nur zuschauen würde. Sie gab mir eine schwarze Pluderhose und ein graues, viel zu kleines Oberteil. Dann schmückte und bestückte sie mich mit glitzerndem, gefranstem Stoff, einer Krone und einer Maske. So konnte es losgehen, mehr oder weniger. Die Schüler, die ich begleiten sollte, hatten Tänze eingeübt, die sie unterwegs vorführen würden. Ich durfte improvisieren.

img_1427Es ist schwer zu sagen, wann der Umzug begonnen hat, aber startklar waren wir um 9:40 Uhr. Starten mussten wir ein paarmal und pausieren mussten wir auch sehr oft. Auch festliche Umzüge müssen sich dem ewigen indonesischen Stau unterwerfen. In unserer Gruppe stand ich ganz vorne. Ab und zu drehte ich mich um und schaute den Schülern beim Tanzen zu. Als ich mich nach ungefähr einer Stunde umdrehte, fielen alle plötzlich zu Boden oder rannten kreuz und quer durcheinander. Die Tänzer wurden „angegriffen“ von Jugendlichen im Tarnhemd, manche mit einem Spielgewehr. Das war die erste Überraschung. Als ich wieder nach vorne schaute, merkte ich zum ersten Mal die VIP-Tribüne, vor der wir gerade hielten. Der Unterbezirksleiter und seine Freunde kamen zu uns runter, um mit mir, dem großen, kostümierten Europäer, fotografiert zu werden. Ich muss zugeben, ich war beeindruckt, wie flink sie heruntergeklettert kamen, aber so ein Foto darf man natürlich nicht versäumen. Das war nicht mein erstes Gruppenfoto an dem Tag und auch nicht mein Letztes.

Indonesier lassen sich mit jedem Ausländer gerne fotografieren, aber wenn der Ausländer auch noch als Indonesier verkleidet ist und bei einem Umzug mittanzt, dann steigt die Nachfrage schlagartig. Ich weiß nicht, wie viele Kameras an dem Tag auf mich gerichtet wurden, aber es war bestimmt ein persönlicher Rekord. Wir Volontäre stehen sehr oft im Mittelpunkt und kommen unterschiedlich damit klar. Ich habe für mich entschieden: Es ist einfacher, die Fotos hinzunehmen, als zu erklären: Wir sind hier nicht in Paris und ich bin nicht der Eifelturm.

img_1433Der Umzug ging mehr als 7 Stunden. Komplett ausgedörrt waren wir nie. Umzugshelfer reichten uns immer wieder Getränke, Sachen zum knabbern auch. Ab und zu baten uns sogar die Zuschauer ein Tablett mit kalten Getränken oder einen Korb mit Orangen an. Ganz am Ende gab es für die Teilnehmer auch etwas zu essen. Die Jugendlichen in der Gruppe waren echt tapfer. Am Ende total erschöpft, aber sie haben echt was geleistet.

Am Montag gratulierten mir die Kollegen zu meiner Umzugsteilnahme. Die Schüler waren aber auch beeindruckt. Ein paar Schülerinnen platzten aus ihrem Klassenzimmer, als ich vorbeiging, um mir mitzuteilen, wie cool sie es fanden, dass ich mitgemacht habe. Zwar nicht so heilend wie Aloe vera, aber das Lob linderte den Schmerz immerhin.

Unabhängigkeit

Am Mittwoch wurde der indonesische Unabhängigkeitstag gefeiert. Schon seit Anfang August wird auf diesen sehr wichtigen Tag vorbereitet. Rotweiße Fahnen wehen überall im Wind (aber keine Pommes in Sicht). Die Wochen vor diesem Feiertag kamen mir wie eine lange Kehrwoche vor. An Straßenrändern wurde gejätet, Höfe wurden gefegt, Häuser und Tore gestrichen. Ganz Indonesien glänzt. In Gemeindesälen und Rathäusern wurden Pläne geschmiedet und Budgets für große Dorfveranstaltungen aufgestellt. Vor ungefähr einer Woche durfte ich bei so einer Budgetberatung dabei sein. Alles wurde bis ins allerkleinste Detail durchdiskutiert.

IMG_1342Am Abend vor dem Feiertag war ich bei einem offiziellen Empfang vom sogenannten Unterbezirk, in dem ich wohne. Der Unterbezirksleiter hielt eine sehr langwierige Rede über lokale Probleme und drängte seine Mitbürger, die Vielfalt Indonesiens nicht als Hindernis zu betrachten, sondern sie zu feiern. Er bat auch an, er stünde wortwörtlich jederzeit zur Verfügung, sei es auch mitten in der Nacht. Ich war überrascht, wie viel ich verstanden habe, da alles auf Indonesisch und Javanisch vorgetragen wurde, aber Lokalpolitik ist Lokalpolitik, ob in Deutschland oder Indonesien.

Danach kam ein älterer Herr auf die Bühne und hielt einen Vortrag über indonesische Geschichte seit dem Ende der niederländischen Kolonialzeit. Vieles kam aus seiner eigenen Erfahrung. Aus seiner Schulzeit konnte er noch ein paar Zahlen auf Niederländisch und ein Lied auf Japanisch. Er übersprang die Mittelphase der modernen Geschichte Indonesiens, aber wichtig war ihm, dass Indonesien schon viele Schwierigkeiten überwunden hatte und manch andere noch überwinden würde. Die Veranstaltung ging wahrscheinlich noch ein paar Stündchen, aber ich verabschiedete mich nach dem Geschichtsunterricht.

img_1418Am Feiertag selbst traf ich Schüler und Lehrerkollegen von verschiedenen lokalen Schulen auf einem Fußballplatz vor einer großen Tribüne. Natürlich war meine eigene Schule auch dabei. Die Schüler reihten sich auf und standen stundenlang in der tropischen Sonne. Niemand wunderte sich, als die Schüler anfingen, vor Erschöpfung umzukippen. Alle paar Minuten liefen Pfadfinder und Helfer vom Roten Kreuz in die Menge und trugen die ermatteten Schüler zu zwei Zelten, die das Rote Kreuz netterweise aufgestellt hatte. Darunter konnten die Schüler sich erholen.

Die Veranstaltung war zwar lang aber recht ereignisarm. Ab und zu ist eine schick uniformierte Gruppe herummarschiert. Ich weiß nicht, ob es Soldaten waren, denn militärisch aussehende Uniforme werden bei solchen Anlässen auch von vielen Zivilisten getragen und marschieren lernt jeder in der Schule. Musik gab es auch ein bisschen. Eine Band spielte und die 11. Klasse meiner eigenen Schule sang ein paar Lieder. Der allerwichtigste Moment war, als die indonesische Flagge gehisst wurde und die Nationalhymne gespielt. Danach gab es auch ein kleines Feuerwerk—am helllichten Tag. Das reichte aber nicht, um 4 Stunden zu füllen. Ich fragte, warum eine solche Veranstaltung im Freien und dazu noch auf einem offenen Feld stattfinden müsste, insbesondere wenn man schon wüsste, was die gesundheitlichen Folgen waren. Ist nunmal so, kam die Antwort. Anscheinend war das die Entscheidung irgendwelcher hochgestellten Regierungsmenschen, die bestimmt im Schatten sitzen durften. So erweist man in Indonesien Vaterlandsliebe, indem man stundenlang in der prallen Sonne steht.